Cover "Ab ins Bett"
27.12.2024


Mai Cocopelli: „Ab ins Bett“



Stille Nacht



Schlaf- und Wiegenlieder gehören zu der Kategorie von Kinderliedern, die so alt ist wie das Konzept der Kindheit selbst. Sie haben die Gattung Kindermusik praktisch mitbegründet und sind aus naheliegenden Gründen bis heute nicht aus ihr wegzudenken. Wie es im Laufe der Zeit jedoch zu einer Art ungeschriebenem Gesetz werden konnte, dass fast jede Kindermusik-Produktion mit einem Schlaflied endet, bleibt fraglich. Diese wiederkehrende Dramaturgie vieler Veröffentlichungen hat das Einschlaflied mitsamt des ihm eingeschriebenen Potenzials buchstäblich an den Rand gedrängt und Platz geschaffen für unzählige Compilations mit oft seelenlosem Gedudel. Ergänzt werden derlei Produktionen inzwischen von sogenannten White Noise-Maschines, die Kinder anstatt mit Musik mit Geräuschen zur Ruhe bringen sollen.

Angesichts dieser Umstände dürfen wir erwartungsvoll aufhorchen, wenn Mai Cocopelli gleich ein ganzes Album mit Schlafliedern veröffentlicht, denn was diese Musikerin anpackt, ist im Ergebnis mit zuverlässiger Sicherheit von besonderer Qualität. Kein Wunder, denn die Kinderliedermacherin aus Österreich widmet sich dem Kinderlied schon seit rund 20 Jahren voller Hingabe und mit beachtlichem Erfolg. Nach zwölf Alben, denen immer wieder neue konzeptionelle Ideen zugrunde lagen, taucht Mai Cocopelli mit „Ab ins Bett“ nun also auf Albumlänge in „die Welt der Entspannung und Geborgenheit“ ein. Und das tut sie mit genau der Sorgfalt und Zugewandtheit, für die sie bekannt ist und überzeugt einsteht.

Zehn Lieder und drei abschließende Instrumentals umfasst „Ab ins Bett“. Und die überraschen, trotz des inhaltlich eng gesteckten Rahmens, mit einer erstaunlichen erzählerischen und stilistischen Vielfalt. Der Opener „Ab ins Bett“ ist dabei noch vergleichsweise wild geraten. „Wollen wir verstecken spielen?“, fragt gleich zu Beginn ein Kind das andere und so greift der Song einleitend erstmal die Unruhe auf, die in Familien fast täglich vorm ins Bett gehen aufkommt. Auch das sich anschließende „Schlaflied der Tiere“ hat einen eher verspielten, fast albernen Charakter. Schnell zeigt sich: Mai Cocopelli reiht auf „Ab ins Bett“ nicht einfach eine einschläfernde Komposition an die nächste, sondern baut einen sorgsam durchdachten Spannungsbogen auf, mit dem sie Kinder in den Schlaf begleitet, anstatt sie einfach ruhigzustellen. Nichts überlässt sie dabei dem Zufall. Das Konzept von „Ab ins Bett“ geht sogar so weit, dass alle Lieder in der Frequenz von A=444 Hz aufgenommen wurden, eine Tonschwingung, die kaum hörbar vom Kammerton (A=440 Hz) abweicht, der aber eine beruhigende Wirkung auf Körper, Geist und Seele nachgesagt wird.

So werden Kinder auf eine Reise nach Thailand mitgenommen („Ich hab den Mond gesehen“), oder können sich mit dem Song „Mahalo“ für den zurückliegenden Tag bedanken. „Wir Schnecken, wir Schnecken“ geht poetisch auf ihre manchmal diffusen Ängste ein, das verträumte „Du bist wunderbar“ ist dagegen ein zutiefst stärkender Song. „Wer hat die schönsten Schäfchen“ ist das einzige traditionelle Schlaflied auf der Platte, das jedoch ein ganz neues Arrangement bekommen hat. Mit jedem Titel tauchen Kinder tiefer in den Kindermusik-Kosmos von Mai Cocopelli ein. Professionelle Musiker*innen untermalen ihre ebenso klare wie beruhigende Stimme und schmücken jede Komposition mit Gitarre, Klavier, Percussion- und sogar Streichinstrumenten aus. Während der ersten Songs wird Mai Cocopelli auch von Kinderstimmen begleitet, die im weiteren Verlauf des Albums jedoch nicht mehr zu hören sind. Schließlich möchte „Ab ins Bett“ Kinder mehr zum Einschlafen als zum Mitsingen animieren. Vor den abschließenden Instrumentalversionen dreier Songs ist „Kleiner Liebling“ das letzte gesungene Lied der Platte. Über viele Jahre hat Mai Cocopelli es ihrer eigenen Tochter am Bett vorgetragen. Nun gibt sie es an andere Familien weiter, damit auch sie den Tag voller Liebe und Achtsamkeit beenden können. Es ist dieses warmherzige In-Beziehung-gehen, das ihre musikalische Arbeit für Kinder seit jeher prägt und von dem auch auf diesem Album jeder Takt durchdrungen ist.

Fazit: Mai Cocopelli stellt auf „Ab ins Bett“ ihr Talent unter Beweis, einem einzigen Thema über die Länge eines ganzen Albums immer wieder neue Facetten abzugewinnen. Glaubwürdig und gekonnt verbindet sie kindliche Begeisterung, große Gefühle und eine dezente Prise Spiritualität miteinander und experimentiert verspielt mit diesen Zutaten. Den Sorgen, Konflikten, Zweifeln oder weltlichen Problemen von uns Erwachsenen räumt sie dabei keinen Platz ein. Bei Mai Cocopelli ist die Welt definitiv in Ordnung und angesichts des erklärten Ziels eines Albums mit Schlafliedern ist diese konsequente Herangehensweise auch schlüssig. Wann wenn nicht beim Einschlafen, sollten Kinder sich dem wohligen Gefühl hingeben dürfen, dass alles gut ist? „Ab ins Bett“ überzeugt durch ein durchdachtes Konzept, eine klare künstlerische Handschrift und ganz besonders durch die präzise musikalische Umsetzung einer Band, die Mai Cocopellis Freude an der musikalischen Arbeit für Kinder spürbar teilt. So entsteht eine zauberhafte Atmosphäre, die Kinder behutsam in die Stille der Nacht begleitet und das ins Bett gehen für sie zu einer ebenso großen Freude macht. Vergeblich werden Eltern dieses Album allerdings auf den gängigen Streaming-Plattformen suchen – dort ist die österreichische Kindermusikerin nur mit einigen ausgewählten Liedern vertreten. Kaufen kann man „Ab ins Bett“ stattdessen über ihren eigenen Online-Shop. Ein kleiner Umweg vielleicht auf dem Weg ins Bett. Der geruhsame Schlaf ihrer Kinder sollte Eltern die Investition in diese Platte aber wert sein.

Erschienen bei


Cocopelli Music

Veröffentlicht


2024

Bewertung der Redaktion: 5/5


Bewertung der Leser*innen: 5/5


Künstler*in



Pressefoto "Mai Cocopelli"

Mai Cocopelli

Ein Kommmentar



30.12.2024 12:33

Sarah Toff



Wir lieben das Album! So wie alles was die liebe Mai macht. Dieses Album ist jedoch etwas ganz besonderes und das spürt man vom ersten Takt an! Ich freue mich auf viele Abendrituale mit meinem kleinen Schatz

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