Albumcover "Der Gedankengarten"
11.11.2025


Toni Geiling: „Der Gedankengarten“



Dem Zeitgeist enthoben



Lange gab es hier bei „Mama lauter!“ nichts Neues mehr zu lesen. Zum Teil ist das meinen persönlichen Ressourcen geschuldet, viel mehr aber noch der Tatsache, dass spannende Neuveröffentlichungen über Albumlänge auch im Kindermusik-Segment leider wieder seltener werden. Man kann das zu Recht bedauern und ausschweifend über die Gründe für diese Entwicklung sinnieren. Man kann sich aber auch darüber freuen, dass Toni Geiling diesem Trend trotz und mit „Der Gedankengarten“ sein inzwischen viertes Kindermusikalbum veröffentlicht. Echte Fans werden schon im Titel eine Parallele zu einem Frühwerk ausfindig machen – sein 2006 erschienenes Debutalbum hieß nämlich „Gedanken wollen fliegen“. Nun scheinen sie gelandet zu sein und schlagen Wurzeln in einem Garten, den der Musiker nach wie vor mit seinem gut bestückten Wolkenorchester hegt und pflegt.

Das kommt gleich im ersten Song „Guten Morgen“ prominent zum Einsatz. (»Immer noch schwebe ich in einem tiefen Traum / darin spielt ein Orchester so laut / Ich hör zu wie der Pauker auf die Pauke haut.«). Geradezu symphonisch breitet sich in dem gerade mal zwei Minuten dauernden Opener nicht nur der Klang einer Pauke, sondern auch der zahlreicher Streicher aus. So kann der Tag gerne beginnen! Und auch für den „Gedankengarten“ ist mit diesem kurzen Lied ein repräsentativer Start gesetzt. Toni Geiling beherrscht eben nicht nur die Gitarre meisterlich, sondern auch die Violine – und dazu noch etliche andere Instrumente. Hinzu kommt seine Begabung für Texte, die mehr Märchen als Kinderlied sind. Über weite Strecken spielt er diese vielseitigen Talente auch auf seinem neuen Album wieder gekonnt aus.

Umso irritierender ist es, dass sich mit dem „Obst und Gemüselied“ erstmal eine Cover-Version des hinlänglich bekannten Kinderlieder-Klassikers „Grün ja grün sind alle meine Kleider“ anschließt. Mit Maultrommel, Geige und Blockflöte ist zwar auch die interessant instrumentiert, bereichert die Produktion aber nur wenig. Auch das „Alphabetlied“ kommt über die naheliegende Idee, jedem Buchstaben des ABC ein Wort zuzuordnen, kaum hinaus. Nicht unbedingt ein schlechtes Lied, aber von Toni Geiling dürfen wir mehr erwarten. Etwa, wenn er sich wie in „Der Stein“ viel Zeit nimmt, um das noch viel längere Dasein eines vermeintlich leblosen Gegenstands zu bestaunen. Ob Papa-Gebirge und Mama-Basaltvulkan wirklich dessen Eltern sind? In „Der Angler“ zieht ein Junge zunächst gar keinen Fisch, sondern vom Käsebrot bis zum Fahrrad allerlei Unrat aus dem Wasser. Wie sich seine Angelschnur erzählerisch dann vom Teich bis zum bescheidenen Wunsch nach Weltfrieden spannt, ist schon bemerkenswert. Geilings offensichtliche Liebe zur Literatur kommt im „Lied vom Bücherwurm“ zum Vorschein. Und damit auch sein Faible für eine Spezies, der er mit der „Tragödie vom Bücherwurm Hildebrandt“ schon früher einmal besungen hat. In „Der Gedankengarten“ rollt er schließlich die schöne Metapher eines blühenden Gedanken-Biotops musikalisch aus. (»Pflanz in den Gedankengarten deine Träume ein / pflanz rechtzeitig viele Arten nur für dich allein.«) In solch poetischen Liedern kommt das ganze Können des Musikers und seiner Mitstreiter*innen an Kontrabass, Schlagzeug, Posaune, Trompete, Querflöte und Mandola zum Vorschein. Mit „Bahn frei, Kartoffelbrei!“ und „Alles ist schon bereit“ nimmt das Ensemble noch kurz die Abzweigung zu zwei weihnachtlich-winterlichen Titeln, bevor es im abschließenden Wiegenlied „Guter Mond“, in dem ein Kind in einen vertraulichen Dialog mit dem fernen Planeten tritt, nochmal alle Register zieht. Kinderlieder von solch musikalischer Intensität sind heutzutage eine echte Seltenheit – und ein wahres Geschenk.

Fazit: Schlappe elf Jahre hat sich Toni Geiling für „Der Gedankengarten“ Zeit gelassen - sofern man als Referenz seine letzte Studioproduktion „In der Wolkenfabrik“ (2014) zugrunde legt. Aber hey, der Mann gibt sich eben auch besonders viel Mühe. Nicht nur als Musiker und Komponist, als der er einen dem Zeitgeist enthobenen Stil pflegt, sondern auch als Produzent, der Irish Folk-Einflüsse und orchestrale Klänge zu einer zeitlosen, fabelhaften Kindermusikwelt zu verschmelzen versteht. Wenn, wie hier, die Kompositionen mindestens genauso viel zu erzählen haben wie die einzelnen Liedtexte, dann ist das zweifellos das Ergebnis einer außergewöhnlich sorgfältigen kompositorischen Arbeit. Vermutlich finden sich genau deshalb noch immer keine musikalischen Vergleiche oder Nachahmer für die Kinderlieder von Toni Geiling. »Der „Gedankengarten“ ist ein in sich ruhendes und abgeschlossenes Werk, das eher auf Jahrzehnte angelegt ist als auf den schnellen Hype. Eines, das auch den Kindern und Kindeskindern der Kinder von heute noch gute Gedanken in den Gedankengarten zaubern soll.« So steht es im Pressetext zum Album. Und diesem selbstgesteckten Anspruch wird es größtenteils tatsächlich auch gerecht. Was sind gemessen daran schon elf Jahre?


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Erschienen bei


New Acoustic Collective

Veröffentlicht


2025

Bewertung der Redaktion: 4/5


Künstler*in



Pressefoto Toni Geiling

Toni Geiling

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