15.11.2024
„Helene Fischer: "Die schönsten Kinderlieder"“
Danke für nix!
Es konnte nur eine Frage der Zeit sein, bis auch Helene Fischer das Kinderlied für sich entdecken würde. Mit über 18 Millionen verkauften Tonträgern und unzähligen Auszeichnungen gehört sie schließlich zu den erfolgreichsten Sänger*innen Deutschlands. Und dass sich die Kombination aus Ruhm und Kindermusik immer öfter als kommerzieller Erfolgsgarant entpuppt, dürfte auch ihr bzw. ihrer Plattenfirma nicht entgangen sein. Offenbar folgte die Idee zu „Die schönsten Kinderlieder“ aber auch einem ganz persönlichen Herzensanliegen von Helene Fischer. Das zumindest behauptet sie in einer dpa-Meldung, die zum Albumrelease veröffentlicht wurde und in der sie sich mit einem bemerkenswerten Satz zitieren lässt: „In letzter Zeit hatte ich viele Gelegenheiten, in Sachen Kinderlieder zu einem Profi zu werden“, sagt die junge Mutter dort. Diese Aussage lädt regelrecht dazu ein, das Album „Die schönsten Kinderlieder“ kritisch unter die Lupe zu nehmen.
Schon das Cover lässt erahnen, dass Helene Fischer als Kindermusikerin keine Risiken eingehen möchte. Während sie als Künstlerin für ihre erwachsenen Fans gerne sinnlich, oft mit viel nackter Haut posiert, präsentiert sie sich ihrem jüngsten Publikum ganz alltäglich in Jeans und T-Shirt, inmitten einiger drollig illustrierter Tiere sitzend. Das Bild atmet den biederen Geist einer Kindermusik-Ära, von der ich annahm, dass wir sie längst hinter uns gelassen hätten. Beim Hören zeigt sich sodann, dass die auf diesem Album versammelten Lieder auch musikalisch einhalten, was das Cover befürchten lässt. Es überrascht natürlich nicht, dass Helene Fischer das Kinderlied als Schlager interpretiert. Im Gegenzug hätte sie sich aber wenigstens die Mühe machen können, neue Kinderlieder zu schreiben – oder schreiben zu lassen. Stattdessen setzt sie konsequent auf die Wirkmächtigkeit des traditionellen Kinderlieder-Kanons. Von „Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann“ über „Alle meine Entchen“ bis hin zu „Backe backe Kuchen“, stets begleitet von den niedlichen Stimmen des Kinderchors Blankenäschen. Zu den „modernsten“ Titeln ihrer 25 (!) Lieder umfassenden Sammlung zählen das „Lied über mich“ von Volker Rosin, „Wie schön, dass du geboren bist“ von Rolf Zuckowski und das „Fliederlied“ von Donikkl. Drumherum nur volkstümliche Klassiker, die derart glattpoliert und überzuckert sind, dass das Gesamtergebnis ziemlich charakterschwach und seelenlos daherkommt.
Noch schwerer als die musikalische Belanglosigkeit wiegt in diesem Fall aber der Schaden, den das Album hinsichtlich der öffentlichen Wahrnehmung von Kindermusik verursacht. Es war natürlich zu erwarten, dass das Medieninteresse groß sein würde, wenn Helene Fischer plötzlich Kinderlieder singt. Doch was passiert? Mit ironischem Unterton fragt Der Spiegel: „Darf man enttäuscht sein über die ideenlose CD einer Schlagersängerin?“. Der Kollege von der Musikkritik bei laut.de schließt sich empört an und möchte wissen: „Für wie dumm haltet ihr unsere Kinder?“ Karolin Kebekus sieht all ihre Vorurteile über Kindermusik bestätigt, reproduziert sie in ihrer Fernsehshow noch einmal genüsslich vor einem Millionenpublikum und präsentiert sodann mit ihrer Band „Kinderlieder, die wir wirklich brauchen.“ Und weil aufmerksame Menschen schnell bemerkt haben, dass sich Helene Fischer offenbar dazu berufen fühlte, auch das inzwischen als rassistisch eingestufte Lied „Aramsamsam“ neu zu interpretieren, hat sie jetzt auch noch einen veritablen Shitstorm an der Backe, zu dem sie bislang noch nicht einmal Stellung bezogen hat. Viel lieber nimmt sie stattdessen Auftritte wie jüngst in der ARD-Familienshow "Klein gegen groß" wahr. Dort wurde ihr ziemlich viel Sendezeit für gleich zwei Medleys aus ihren schönsten Kinderliedern eingeräumt, deren rückständige Inszenierung absolut unerträglich ist. Von einem selbsternannten Profi hätte ich definitiv mehr erwartet.
Fazit: Nur zu gern würde ich Helene Fischer an dieser Stelle meinen Dank dafür aussprechen, dass sie nun auch als prominente Botschafterin für die musikkulturellen und gesellschaftspolitischen Potentiale des Kinderlieds eintritt. Denn es ist gut und wünschenswert, dass Kindermusik in die Schlagzeilen und damit in den öffentlichen Diskurs vordringt, wo die Vorbehalte gegenüber dieser Gattung noch immer groß sind. Umso enttäuschender ist es, dass sie mit „Die schönsten Kinderlieder“ genau diese Vorbehalte massiv befeuert. Einer Künstlerin wie ihr passiert das sicher nicht unbeabsichtigt. Viel zu groß wäre das Risiko, ihre beispiellose Schlager-Karriere unbedacht aufs Spiel zu setzen. Verlässlich ist „Die schönsten Kinderlieder“ eine Woche nach Veröffentlichung auf Platz 3 der deutschen Albumcharts eingestiegen. Während die um Anerkennung und Wertschätzung ringende Kindermusik-Szene dank dieser Produktion also wieder einmal unter Legitimationsdruck gerät, erfüllen sich die geschäftigen Ambitionen von Helene Fischer nach Plan. Es mag ihr bei diesem Projekt um vieles gehen, nur um eines sicher nicht: Um die Aufwertung des Kulturguts Kinderlied. Danke also für nix, liebe Helene! Solltest du deine Ankündigung wahr machen und die Welt bald mit noch mehr Musikproduktionen für Kinder beglücken, dann tu das im nächsten Anlauf bitte wirklich mit der gebotenen Sorgfalt und Professionalität.










Silvia Genz
Herzlichen Dank für diese klaren Worte.
Meine Kinder haben erfreulicherweise den Ton ausgestellt und sich sehr empört über so schlechte Musik während des unglaublich schlimmen Playbacksauftritts von Helene with friends in der TV Sendung „Klein gegen Gross“… schlimm dass Helene sich das zutraut und sie niemand aufhält.
Da kann ich nicht einmal einen Verstärker als bewertendes Lob da lassen…
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