Albumcover Igittigittigitt
08.11.2024


MC Recipe: „Igittigittigitt (EP)“



Lecker Kindermusik



Für Menschen, deren popkulturelle Sozialisation sich noch vor der Jahrtausendwende vollzogen hat, ist der Musikmarkt der Gegenwart in Teilen noch immer gewöhnungsbedürftig. Physische Tonträger wirken wie ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten, zugleich wird das künstlerische Konzept eines Albums immer seltener. Hinsichtlich Musikkonsum und Musikproduktion haben die Eigenlogik der Streamingportale und die direkten Kommunikationswege über soziale Medien das Musikbusiness ziemlich auf den Kopf gestellt. Und wen wunderts: Das gilt natürlich auch für die Sparte Kindermusik.

Diese Entwicklung fordert auch die Arbeit für „Mama lauter!“ heraus. Im Kern fokussieren sich meine Kritiken nämlich auf Musiker*innen und Bands, die allen Trends zum Trotz noch immer Alben für Kinder veröffentlichen. Noch gibt es in der Sparte Kindermusik viele Überzeugungstäter*innen, die diesem Konzept treu bleiben, doch auch in dieser Nische dreht sich der Wind spürbar. Man kann das bedauern, sollte darüber aber nicht die Offenheit für neue, durchaus spannende Konzepte verlieren, die mit dem Wandel des Musikmarktes einhergehen.

Der Koch, Sozialarbeiter und Musiker Paul Denkhaus macht’s vor und bringt sich mit einer neuen Formatidee als Kindermusik-Act in Stellung. Seine drei Leidenschaften bündeln sich in der Kunstfigur MC Recipe und in dieser Rolle hat er gerade seine erste EP „Igittigittigitt“ veröffentlicht. Darauf sind fünf Hip-Hop-inspirierte Songs zu hören, die aus ganz unterschiedlichen Perspektiven das für Kinder oft sperrige Thema gesunde Ernährung aufgreifen. Da wird manch eine*r erstmal skeptisch die Nase rümpfen, doch was auf dem Papier nach einer aus pädagogischen Übereifer entstandenen Idee klingt, macht musikalisch durchaus was her. Denn mit Appellen und Belehrungen halten sich die einzelnen Songs wohltuend zurück. „Igittigitt“ wendet sich stattdessen verständnisvoll dem Kind zu, dass auf gesundes Essen pfeift. Gleich danach entpuppt sich „Mein Bro“ als sprechender Brokkoli, der ebenfalls wenig von Obst und Gemüse hält, als Sidekick von MC Recipe an anderer Stelle aber noch eine bedeutsame Rolle einnimmt. „Zuckerstreusel“ versteht sich als Hommage auf eine süße Geheimzutat, die jede noch so unliebsame Mahlzeit in einen Gaumenschmaus verwandelt. Und „Piep piep piep“ würdigt schließlich die Bedeutung eines geselligen Abendessens im Kreis der Familie. Einzig auf den „Flatulenz-Dance“ hätte MC Recipe gerne verzichten können, aber Pups-Humor zündet bei Kindern nunmal absolut verlässlich.

In allen fünf Liedern der EP unterlässt MC Recipe es bewusst, den pädagogischen Zeigefinger zu erheben und nimmt stattdessen eine empathische Haltung für das kulinarische Desinteresse seiner jungen Hörer*innen ein, eingerahmt in die vertrauten Insignien der HipHop-Kultur und grundiert mit amtlich gebauten Beats. Auf diese Weise ist die Sympathie für die Kunstfigur geweckt, die auf ihren Kanälen bei YouTube, Instagram und TikTok so richtig in Fahrt kommt. Erst dort folgt MC Recipe nämlich voller Leidenschaft seiner Mission, Kindern Lust auf gesunde Ernährung zu machen – und zwar in Form von kurzen Reels bzw. einer eigenen Kochshow, in der Rezepte für Gemüse Fries, Obst-Crumble und Fixe Falafel gerappt werden. Zur Seite stehen ihm dabei sein stets skeptischer Buddy Bro (s.o.) sowie ein Ernährungswissenschaftler, der unter dem Pseudonym „Der Prof“ in Erscheinung tritt und viele praktische Küchentipps parat hat. Der musikalische Charakter der EP setzt sich also in den Online-Inhalten fort und findet dort eine ganz eigene Form. Ein rundum gelungener Ansatz, um Bildungsinhalte, Musikkultur für Kinder und deren Medieninteressen stimmig zusammenzuführen.

Fazit: Kindermusiker*innen, die vornehmlich einer erzieherischen Mission folgen, laufen grundsätzlich Gefahr, an Faszination einzubüßen. Denn meistens wird ihr kreatives Schaffen vom pädagogischen Anliegen überlagert oder gar in den Hintergrund gedrängt. MC Recipe gelingt es jedoch ziemlich gut, Musik und Pädagogik mit Augenmaß zu versöhnen – weil er nämlich beides sorgsam voneinander trennt. Geschickt weckt er das Interesse von Kindern am Thema gesunde Ernährung durch die Hintertür und holt sie dort ab, wo sie sich inzwischen – ob man es gutheißt oder nicht – immer früher tummeln: Auf den Social Media-Plattformen. Seine Lieder entpuppen sich dabei als eine Art trojanisches Pferd für das übergeordnete Anliegen Ernährungsbildung. Klar, für echte Musikgourmets sind die fünf Songs der EP kaum mehr als ein kleiner Pausensnack. Und natürlich kann man kritisch hinterfragen, ob es sich bei dieser inhaltlichen Gewichtung überhaupt noch um ein Musikprojekt handelt. Für mich fällt die Antwort in diesem Fall ziemlich eindeutig aus, denn Paul Denkhaus tritt als Hip Hop-Liebhaber nicht nur überaus authentisch auf, sondern weiß die Stärken des jeweiligen Mediums auch gezielt zu nutzen. Musik und Web-Formate verbinden sich bei ihm absolut glaubwürdig. Über drei Jahre hat er am MC Recipe-Universum gefeilt, komplett in Eigenregie. Man spürt deutlich, dass dieses Projekt einem Herzensanliegen folgt. Und tatsächlich kriegt man auch richtig Bock auf Gemüse Fries. Richtig zubereitet schließen sich pädagogische und künstlerische Anliegen also offenbar gar nicht aus. Nach nur fünf musikalischen Appetithäppchen ist das doch ein richtig guter Nachgeschmack.


Video




Erschienen bei


Selbstvertrieb

Veröffentlicht


2024

Bewertung der Redaktion: 3/5


Künstler*in



Pressefoto MC Recipe

MC Recipe

Kommentar hinterlassen









×









gefördert von
Christiane Weber Stiftung zur Förderung von Kindermusik
Partner
ConBrio Verlagsgesellschaft