01.01.2021


Raketen Erna: „Mir doch egal, ich lass das jetzt so!“



Kinderlieder mit Ecken und Kanten



Es ist ganz und gar nicht übertrieben, Marceese Trabus als einen rastlosen Botschafter in Sachen Independent-Musikkultur zu bezeichnen. Schon seit den frühen 90er Jahren ist der Berliner Musiker mit den verschiedensten Projekten und in unterschiedlichsten Stilrichtungen unterwegs – sei es mit der Hardcore-Band Gate, der Spacerock-Combo Red Stoner Sun, als akustischer Liedermacher unter dem Namen Marceese, als Yer International Humbug mit eher psychodelisch anmutendem Sound, oder unter dem Künstlernamen Baby Kreuzberg als klassischer Singer/Songwriter. Von „melancholisch abgehangen“ bis zu „progressiv“ reichen die Beschreibungen seines Stils, musikalische Vorbilder wie Eddie Vedder (Pearl Jam), Pink Floyd oder Black Sabbath werden in einem Atemzug mit seinen zahlreichen Veröffentlichungen genannt, als „Gitarren-Junkie bezeichnet er sich selbst. Wie nur fügt sich Kindermusik in dieses komplexe künstlerische Spektrum ein?

Die Idee zur Gründung der Band Raketen Erna folgte einer unter Musiker*innen inzwischen üblichen Erkenntnis. Selbst Vater geworden, sah sich Trabus plötzlich mit der Gattung Kindermusik konfrontiert und war geschockt: „Ich hab mir teilweise an den Kopf gefasst und dachte: Das kann doch wohl nicht wahr sein! So wie die Teletubbies, nur in Audio.“, berichtet er in einem Interview mit dem Online-Musikmagazin Rock Times. In der Folge fühlte er sich berufen, diesen Zustand zu ändern. Mit der Unterstützung seiner Töchter und zwei weiteren Musiker*innen entstand zunächst das Album „Bouletten Beats“ (2017) und mit ihm der oft bemühte Vergleich zur Band Ton, Steine, Scherben. Mit „Mir doch egal, ich lass das jetzt so!“ legt Raketen Erna den lang ersehnten Nachfolger vor.

Schon der Opener „Womit du niemals aufhören darfst“ ist ein eindringlicher Appell an das freie Kind. (»Womit du niemals aufhören darfst ist, Dinge zu hinterfragen. / Womit du niemals aufhören darfst ist, was dich stört auch sagen.«) Das lässig groovende „Na sichie“ feiert dagegen Individualität und Charakter, während „Es ist wie es ist“ im Titel die Schicksalhaftigkeit des Lebens vortäuscht, tatsächlich aber die Wirksamkeit des eigenen Handelns herausstellt. (»Es ist wie es ist / doch du kannst es ändern. / Nichts wird bleiben wie es war / es liegt in deinen Händen.«) Songs wie „Arschbombe“ oder „Drölf“ sind dagegen eher spaßgetrieben und lassen deutliche Rückschlüsse auf die kreative Beteiligung von Kindern zu. (»Fünf Uhr Siebenundsiebzig, der Wecker schreit / steh auf kleines Mädchen, es ist Zeit. / Die rosa Schweinedame namens Peppi / hat heute Geburtstag, sie wird endlich drölf.«) Wieder andere Lieder stellen gelungene Bezüge zu ausgewählten musikalischen Vorbildern her. „Alles bunt“ zum Beispiel ist eine der Gegenwart angepasste Fassung des Kinderlieder-Klassikers „Grün, grün, grün sind alle meine Kleider“. Musikalisch wie textlich würdigt „Roboter“ das künstlerische Schaffen der Band Kraftwerk und mit etwas Phantasie erinnert „Rufus steht auf Ufos“ an „Major Tom“ von Peter Schilling und damit an die Hochphase der Neuen Deutschen Welle. Allesamt gelungene Songs, die große Freude machen und sich stilistisch wie inhaltlich eigenständig positionieren.

Umso stärker fallen die wenigen Schwachstellen des Albums ins Gewicht. Wenn in „Halloween Gang“ diverse Lebensmittel-Unverträglichkeiten durchdekliniert werden, oder „Der kleine Monsieur“ die Sorgen sogenannter Helikopter-Eltern aufs Korn nimmt, verliert die Band die Perspektive von Kindern kurzzeitig aus dem Blick. Diese latente Kritik am pädagogischen Zeitgeist ist allerdings völlig unnötig, denn sie schwingt ohnehin im Subtext fast aller Titel mit. Lieder wie „Hallo“ oder „Dankeschön“ wirken in ihrer inhaltlichen Schlichtheit dagegen fast schon wieder unterkomplex, haben aber zumindest das Potential, neuen Schwung in den Singkreis von Kita oder Kindergarten zu bringen. Gerade dort sind frische musikalische Impulse ja immer besonders willkommen.

Fazit: Wer mit moderneren Spielarten von Kindermusik noch nicht so vertraut ist, der wird die Musik von Raketen Erna womöglich zunächst anstrengend finden. Viele Lieder verweigern sich einfacher Reime und sind vergleichsweise unkonventionell umgesetzt. Gerade diese Herangehensweise kennzeichnet jedoch den besonderen Stil der Band. Durch die aktive Beteiligung von Kindern am kreativen Prozess und den kompromisslosen Anspruch, Kinder im Kindsein stärken zu wollen, liegen Marceese Trabus und seine musikalischen Mitstreiter*innen in Punkto Glaubwürdigkeit ganz weit vorne. Explizit erwähnen zu müssen, dass hier auch noch eine Frau am Schlagzeug sitzt, ist einerseits bedauerlich, verdeutlicht aber andererseits den Anspruch der Band, ein ebenso zeitgemäßes wie authentisches Vorbild abgeben zu wollen. Ja, die Lieder von Raketen Erna sind nicht glattgebügelt und radiotauglich ausproduziert, sondern haben – wie das Leben selbst – viele Ecken und Kanten. Gerade vor diesem Hintergrund dürfen wir den Albumtitel „Mir doch egal, ich lass das jetzt so!“ als ein selbstbewusstes Statement verstehen. Mit dieser Produktion festigen Raketen Erna ihren Ruf als eigenwilliger Alternative-Act der Kindermusik-Szene.


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Erschienen bei


Argon Verlag GmbH

Veröffentlicht


2020

Bewertung der Redaktion: 4/5


Künstler*in



Raketen Erna

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gefördert von
Christiane Weber Stiftung zur Förderung von Kindermusik