Cover "Zucker Watt Vol.1"
27.03.2026


„Zucker Watt Vol.1“



Kindermusik mit Stromgitarre



„Zuckerwatt! Watt? Mit Zucker? Eher Gitarren mit Schmackes. Musik für Kinder und die ganze Familie. Aber eben nicht zuckersüß, sondern mit Haltung und Aussage und Spaß und Gitarren.“ Mit diesen Worten wird uns „Zucker Watt“, die neueste Compilation aus dem Netzwerk Kindermusik, im Pressetext schmackhaft gemacht. Selbstsicher geht man auf Abstand zu „Kirmespopschlagertechno“ – was auch immer man sich unter dieser Genre-Beschreibung vorstellen kann und möchte – und betont, dass es sich bei den hier zusammengestellten Liedern um „richtig gut gespielte Songs mit echten Instrumenten“ handelt. Es ist schon bezeichnend, dass dieses Merkmal im Kontext von Kindermusik immer wieder so deutlich hervorgehoben wird.

Zur Einordnung dieser Veröffentlichung ist es hilfreich, sich kurz mit dem 1998 gegründeten Netzwerk Kindermusik und dessen Selbstverständnis vertraut zu machen. Rund 100 Kindermusik-Bands und Interpret*innen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum haben sich darin zusammengeschlossen. Ihr Hauptziel: Die Förderung musikalischer Vielfalt, musikpädagogische Bildung und die Steigerung der Wertigkeit und Wahrnehmung von Kinderkultur. Löbliche und unterstützenswerte Anliegen, die rund 30 Jahre nach der Gründung des Netzwerks leider noch immer nicht an Relevanz eingebüßt haben. Nach wie vor ist es um die Sichtbarkeit und Wertschätzung von Kindermusik in ihrer gesamten Vielfalt schlecht bestellt. Vor dem Hintergrund sendet die Compilation „Zucker Watt“ schonmal ein wichtiges Signal. Aber löst sie ihr Qualitätsversprechen auch wirklich ein?

Sechs Bands präsentieren sich mit jeweils zwei musikalischen Beiträgen auf dieser Platte. Die meisten von ihnen stehen bei „Mama lauter!“ schon lange im Regal. So zum Beispiel die Bielefelder Band Randale, die Kinder und Familien seit über 20 Jahren mit einer Mischung aus Punk, Rock, Country und Reggae begeistert. »Hände hoch, das ist ein Punküberfall« skandiert Sänger Jochen Vahle im Opener „Hände hoch“ und legt die Messlatte damit gleich ziemlich hoch. Der Song hat nicht nur Witz, sondern wird von der Band auch absolut stilsicher vorgetragen. Gleiches gilt für den zweiten Beitrag „Ich hab ein Hühnchen gerettet“, der offenbar exklusiv für diese Veröffentlichung produziert wurde. Mit Suli Puschban ist auf „Zucker Watt“ ein echter Star der Kindermusik-Szene vertreten. Ihren Ruf als feministische Stimme und „Rebellin der Kindermusik“ hat sie sich in zwei Jahrzehnten hart erarbeitet. Neben „Unglaublich aber wahr“ darf vor allem ihr Hit „Ich hab die Schnauze voll von rosa“, eine frech-charmante Absage an den von Prinzessin Lillifee vorgelebten Lifestyle, hier folglich nicht fehlen. Logisch, dass auch Raketen Erna bei „Zucker Watt“ dabei sind. Seit fast zehn Jahren führt das Berliner Kinderrock-Trio Kinderlied und Protestsong auf höchst eigenwillige Weise zusammen. Mit klarer Kante und wohltuend schnoddrigem Sound ermutigt die Band um Sänger Marceese Trabus Kinder dazu, für die eigenen Rechte und eine gerechtere Welt einzustehen. Die zwei Songs „Reiche Eltern für alle“ und „Sei dabei, hier und jetzt“ repräsentieren diesen Anspruch geradezu plakativ. Die Dresdner Band Okay Tilda hat 2023 mit ihrem Debut-Album „Auf einem Auge Kind“ erstmals auf sich aufmerksam gemacht. Mit einem Sound, der in seinen besten Momenten an Kraftklub erinnert, verbindet das Trio Punk mit schrillem Pop und dringt damit stilistisch in deutlich modernere Sphären vor. Inhaltlich wagen die Lieder „Störenfrieda“ und „Fake News“ dabei in den Spagat zwischen Sympathie für kindlichen Ungehorsam und pädagogischer Verantwortung.

Neben diesen alten Bekannten sind auf „Zucker Watt“ aber noch zwei weitere Bands zu hören, die bei „Mama lauter!“ bislang noch nicht zu finden sind. Andi und die Affenbande aus Augsburg schlagen sich klar auf die alberne Seite der Kindermusik. Der offenbar von Käpt‘n Blaubär inspirierte „Opa Song“ trumpft mit maßlosen Übertreibungen auf, während „Hundekacke“ Kindern vor allem wegen der fortlaufenden Aussprache eben jenes Wortes gefallen dürfte. Inhaltliche Tiefe sucht man hier vergebens, humorvolle Unterhaltung findet man hingegen schon. Ähnlich verhält es sich bei der Band Egon und die Treckerfahrer, die mit „Arschkalt“ auf das gleiche, bei Kindern verlässlich zündende Reiz-Reaktions-Schema setzen. (Hi hi, er hat Arsch gesagt...). In seiner inhaltlichen Schlichtheit erklimmt der Song den Gipfel der Kreativität aber ebenso wenig, wie der zweite Beitrag „Treckerfahren“. (»Wir fahren den ganzen Tag nur Trecker, das macht richtig Spaß. / Treckerfahren ist unser Leben, darum geben wir Gas.«) Diesen „anarchischen Trecker-Rock mit einer gehörigen Portion landwirtschaftlichem Quark“ muss man schon dezidiert mögen. Für meinen Geschmack senkt er das solide Gesamtniveau von „Zucker Watt“ eher.

Fazit: Das Netzwerk Kindermusik war schon immer ein Sammelbecken für Künstler*innen mit grundverschiedenen inhaltlichen Ansprüchen und musikalischen Niveaus. Trotz seiner stilistischen Eingrenzung bringt „Zucker Watt“ diese Vielfalt deutlich zum Vorschein. Viel Neues hat die Compilation dabei nicht zu bieten und über die Frage, ob alle auf dieser Platte versammelten Interpret*innen gute Repräsentant*innen für von Rock und Punk inspirierte Kindermusik sind, ließe sich vortrefflich streiten. Die Antwort darauf liegt letztlich aber immer auch ein bisschen im Auge des Betrachters. Offensichtlich ist dagegen bei allen hier vertretenen Bands das Anliegen, sich als rebellischer, anarchischer, teils sogar anti-autoritärer Kindermusik-Act in Szene zu setzen. Humor, Haltung und Lautstärke entfachen auf „Zucker Watt“ eine Energie, die viele Menschen vermutlich nicht mit Kinderliedern assoziieren. Das ist musikalisch durchaus erfrischend und auch künstlerisch bereichernd. Hinzu kommt, dass „Zucker Watt“ ausschließlich auf Vinyl erscheint. Wieder also eine Kindermusik-Produktion, die sich der kommerziell getriebenen Verwertungslogik des Musikstreamings zu entziehen versucht. In dieser konsequenten Entscheidung spiegelt sich das vielleicht wichtigste musikkulturelle Anliegen von „Zucker Watt“. Die Vermittlung von Wertschätzung für musikalisches Handwerk beginnt nunmal bei den eigenen Konsumentscheidungen. Die bewusst zu verändern, geht in diesem Fall ganz einfach: Besucht doch mal eines der Konzerte der hier versammelten Interpret*innen und erlebt, wie es sein kann, wenn alle zusammen Spaß an Rockmusik haben. Im Anschluss an die Show könnt ihr euch am Merch-Stand dann gleich mit reichlich „Zucker Watt“ eindecken.


Video




Erschienen bei


newTone

Veröffentlicht


2026

Bewertung der Redaktion: 3/5


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