19.02.2026
Dominik Merscheid: „Guter Dinge“
Soundtrack zur Zuversicht
Ganze fünf Jahre nach seinem Debütalbum „Im Spiel“ präsentiert Dominik Merscheid mit „Guter Dinge“ endlich einen neuen Longplayer. Gut die Hälfte der darauf veröffentlichten Songs ist in den letzten Jahren bereits als Single-Auskopplung erschienen – die ungeschriebenen Gesetze der Streaming-Ökonomie machen eben auch vor der Gattung Kindermusik nicht halt. Das Cover lässt jedoch erahnen, dass Dominik Merscheid dieser unaufhaltsamen Entwicklung kritisch gegenübersteht. Einen Kassettenrekorder fokussierend sitzt er da auf dem Fußboden und scheint den guten alten Zeiten nachzuhängen. Fotografie und Typografie wirken in Kombination wie aus der Zeit gefallen und erinnern mehr an die Frühwerke von Reinhard Mey, als an eine aktuelle Kindermusik-Veröffentlichung. Im Angesicht eines längst eingebrochenen Tonträgermarktes bleibt der Musiker aber offenbar positiv gestimmt und geht mit „Guter Dinge“ produktiv, lebensfroh und überaus verspielt ans Werk.
Ähnlich unzeitgemäß wie das Artwork ist auch die musikalische Umsetzung der Produktion geraten. Dominik Merscheid sieht sich in der Rockmusik-Tradition der 1960er- und 70er-Jahre verwurzelt – und diese Vorliebe hört man seinen neuen Liedern deutlich an. Während Interpret*innen wie Simone Sommerland, Volker Rosin oder Helene Fischer mitsamt ihres Schlagersounds die Geschmacksgrenzen von Kindern und Eltern schamlos strapazieren, sprengt dieser talentierte Multiinstrumentalist sie einfach. „Guter Dinge“ ist ein Füllhorn komplexer Melodien, überraschender Akkordfolgen und vielschichtiger Arrangements, so dass es praktisch unmöglich ist, eine klare Genre-Zuordnung vorzunehmen. Aber wozu auch? Aus einem überbordenden Ideenreichtum erwächst auf diesem Album in insgesamt zwölf Songs ein höchst eigensinniger musikalischer Kosmos, in dem sich fröhliche und nachdenkliche Momente beständig abwechseln.
„Apparebix“ zum Beispiel gelingt der Kunstgriff, bewährte Animationslyrik (»Hüpf zurück und vor, heb die Arme empor / dreh dich einmal ’rum im Kreis!«) in eine abenteuerliche Geschichte einzubetten. Rhythmisch verspielt greift Dominik Merscheid in dem Song ein typisches Kinderlied-Klischee auf und darf es sich infolgedessen auch erlauben, es ungestraft zu reproduzieren. Ähnliches gelingt ihm in „Besonders“, einem Song, der die Utopie von einer Welt skizziert, in der alle Menschen ihren individuellen Neigungen nachgehen können – und in dessen Refrain Merscheid ganz subtil das ABC durchbuchstabiert. „Ausflugstag“ versteht sich als beschwingter Schulterschluss mit dem ÖPNV, während „Mittwoch“ einem unergründlichen Geheimnis auf die Schliche kommen will und sich als den Versuch interpretieren lässt, „Die da“ von den Fantastischen Vier kinderkompatibel weiterzudenken. „Zaubern“ wiederum entpuppt sich als ein kreativ-verklausuliertes Geburtstagslied und „Ausprobiert“ erklärt das Prinzip „Versuch und Irrtum“ zur praktikablen Lebensphilosophie.
Den Gegenpol zu diesen vergnüglichen Titeln bilden eine Handvoll Lieder, die sich eher tiefgründigen Gedanken zuwenden. „Die Kiste“ etwa kommt nur vordergründig albern daher, positioniert sich im Subtext aber kritisch gegenüber unserer durch und durch digitalisierten Welt und weckt Erinnerungen an den Supercomputer Deep-Thought aus Douglas Adams´ Kult-Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“. (Wie lautet nochmal die Antwort auf die Frage aller Fragen?) „Klitzeklein“ betrachtet in aller Seelenruhe den Sinn unserer menschlichen Existenz (»Vielleicht sind wir ja eigentlich klitzeklein / und passen in ʼnen Wassertropfen rein, den wir als Universum sehʼn.«), während „Hat alles zwei Seiten“ anschaulich die Dialektik des Lebens beleuchtet. Konfrontiert mit zahlreichen neugierigen Kinderfragen nimmt Dominik Merscheid in „Ich weiß es auch nicht genau“ schließlich noch die bescheidene Haltung eines unterm Strich ratlosen Erwachsenen ein. (»Diese Welt ist schwer erklärlich, nie schwarz-weiß und selten grau / und ich sage dir ganz ehrlich: Ich weiß es auch nicht genau.«) Erschreckend gut erinnert der Song an „I want you back“ von den Jackson Five und unterstreicht damit exemplarisch die stilistische Vielseitigkeit eines talentierten musikalischen Handwerkers, der „Guter Dinge“ übrigens komplett im Alleingang eingespielt und produziert hat.
Fazit: Im direkten Vergleich zu hinlänglich bekannten Kindermusiker*innen ist Dominik Merscheid mehr Antithese als Trittbrettfahrer. Sein Retro-Stil unterscheidet sich deutlich von dem, was die Algorithmen einschlägiger Streaming-Anbieter oder das überschaubare Musikrepertoire von Tonie-Box und Co. Kindern und Familien zu bieten haben. Leider muss man sagen, dass diese Abgrenzung die Qualität von Kindermusik inzwischen eher unterstreicht als infrage stellt. Trotz manchmal sehr elaborierter Sprachgebilde macht es Spaß, Dominik Merscheid zuzuhören und zu verfolgen, wie seine Songs auf unerwartete erzählerische Pointen hinauslaufen. Hinsichtlich seines musikalischen Könnens bewegt er sich dabei in einer Liga, in der nur wenige seiner Kolleg*innen mitspielen. Unweigerlich stellt sich die Frage, warum ein so talentierter Künstler in der Gattung Kindermusik noch immer als Geheimtipp gehandelt wird. Vielleicht, weil ihm künstlerische Eigenständigkeit wichtiger ist als kompromissloser Erfolg? Dass „Guter Dinge“ nicht mehr als CD, sondern nur noch rein digital erscheint, ist in diesem Zusammenhang mehr als eine Randnotiz. Die Herstellung physischer Tonträger lohnt sich einfach nicht mehr, doch die Produktion eines Albums bleibt natürlich weiterhin zeitaufwändig und kostspielig. Dominik Merscheid plant deshalb, sein neues Album – zumindest in kleiner Auflage – auf Kassette zu veröffentlichen. Ein geradezu subversiver Akt der Rebellion gegen die ernüchternden Logiken des Musikmarktes. Immanuel Kant sprach einst von der Pflicht zur Zuversicht in schwierigen Zeiten. Als Soundtrack zu dieser Haltung hätte ihm „Guter Dinge“ womöglich gut gefallen.










